Die Pysanka vor und zur Zeit der Sowjetunion

Fedir Wowk
Fedir Wowk

 

 

Im Jahr 1874 fand in Kyjiw der Dritte Archäologische Kongress statt. Der ukrainische Wissenschaftler Fedir Wowk wies in seinem Vortrag auf die große Wichtigkeit der Symbolik der Pysankaornamente in der ukrainischen Volkskunst hin.


Zur gleichen Zeit reiste Olena Ptschilka mit ihrem Mann Petro Kosatsch durch Wolhynien und sammelte Muster von Stickereien, Webereien und Pysanky. 1876 erschien ihr Buch „Das ukrainische Volksornament - Ukrainskyj narodnyj Ornament“. Dieses Buch beinhaltete u. a. 23 Pysanky aus dem Nowohrad-Wolhynier Gebiet.

 

Aus dem Buch "Das ukrainische Volksornament" - Olena Ptschilka
Aus dem Buch "Das ukrainische Volksornament" - Olena Ptschilka

1878 veröffentlichte Pelahija Lytwynowa ihr Buch „Das südlich-ruthenische Ornament“. Es stellt auf zwei bunten Tafeln 24 Pysanky aus dem Landkreis Hluchiw im Bezirk Tschernihiw vor. Als erstes wird hier die Arbeitsweise für Batik-Technik erwähnt.

Der ukrainische Professor Mykola Sumtsow lebte und arbeitete in Kharkiw. Im Jahr 1888 rief er für eine Studie die Bevölkerung dazu auf, ihm ihre traditionellen Pysanky zu überreichen. Auf seine Bitte nach Eiern, erhielt er bald 250 verschiedene bemalte Eier aus 8 verschiedenen Regionen der Ukraine. Auf Grundlage dieser Forschung des Pysanka veröffentlichte im Jahre 1891 Mykola Sumtsow sein Werk "Pysanky". Sechs Jahre später schenkt Professor M. Sumtsow diese Sammlung dem Museum der Universität Kharkiw. Das Heimatkunde Museum in Kharkiw ist eine der wenige Museen in der Ukraine, mit eine große Sammlung Pysanky stammend vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

 

Aus dieser Periode stammt auch eine der größten Veröffentlichungen über Pysanky, nämlich das Buch „Beschreibung einer Sammlung volkstümlicher Pysanky“ von Serhij Kulzhynskyj aus dem Jahr 1889. Die abgebildeten Pysanky stammen aus der Sammlung des Katheryna Skarzhynska Museums in Lubny. Jede Pysanka war nummeriert und wurde, falls bekannt, mit der Region, dem Datum, der Symbolik und dem Künstler gekennzeichnet. Auch besuchte Kulzhynskyj die Märkte in Kursk, kaufte bei den Frauen Pysanky, befragte sie zu den verwendeten Ornamenten und machte Notizen. So entstand eines der ältesten Werke der Ostregionen der Ukraine.

Wadym Shterbakiwskyj
Wadym Shterbakiwskyj

 

Erwähnenswert ist auch der Ethnologe Wadym Shterbakiwskyj, der bis zur seiner Immigration nach Prag im Jahr 1922 an wissenschaftlichen Forschungen mitarbeitete. 1925 erschien sein Buch  „Grundlegende Elemente der Ornamentik ukrainischer Ostereier und deren Herkunft, in welchem er über die Einzigartigkeit des Stils der Pysankaornamentik argumentiert, welche auch auf verschiedenen anderen Handwerksarbeiten wie Stickereien, Holz, Keramik und Webereien gefunden wurde.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand das Interesse an der Kunst des Pysankaschreibens („Pysankarstwo“) in den westlichen Teilen der Ukraine.

 

 

Irina Gurgula machte es sich zur Aufgabe, die Ornamente der Pysanka zu erforschen. Ihre Essays und ihre Arbeit „Pysanky aus Ostgalizien und der Bukowyna“ wurden in den 20er Jahren des 20. Jahrhundert in der Frauenzeitschrift „Nova Chata“ („Neues Haus“) veröffentlicht.
Außerdem sammelten und studierten folgende Ethnologen diese einzigartige Volkskunst: Wolodymyr Schuchevytsch – „Huzulien - 1904“, Myron Korduba – „Pysanky in Galizien und Wolynien - 1899“, Mychajlo Skoryk – „Pysanky der Bojken – 1933“, Damian Horniatkevych, der Tscheche F. Krcek „Pysanky in Galizien“ – 1898, der polnische Ethnograph Oskar Kolberg.
Die Arbeiten dieser Ethnologen waren und sind eine wertvolle Quelle für die weiteren Studien der Geschichte und Entwicklung der Pysankakunst.

 

In der Zeit der sowjetischen Hegemonie, die 1922 im Osten der Ukraine begann und sich ab 1938 auf den Westen der Ukraine ausbreitete, änderte sich die Situation dramatisch. Diese Form angewandter Kunst erlitt in diesem Zeitraum die totale Auslöschung, da die atheistische Macht versuchte, die mit religiösen Bräuchen verbundenen Pysanky völlig aus dem Volksbrauchtum zu eliminieren.


Dazu stellt Wira Manko fest, "... die Pysanka wurden allmählich zum Relikt. Diese eigenständige ukrainische Erscheinung wurde nun nicht mehr erforscht, sondern es war sogar so, als ob sie in der Ukraine überhaupt nicht existiert hätte. Völliges Schweigen...“ (Wira Manko – Ukrainische Pysanka – 2008 S. 11). Aber trotz der Bemühungen der Sowjets, starb Pysankarstwo nicht vollständig aus.

 

Einzelne Frauen pflegten in ihren Dörfern Traditionen und Rituale, überlieferten das Handwerk und fertigten weiterhin an Ostern Pysanky an.

 

 

In den frühen 1960er Jahren wuchs Erast Binjaschewskys Interesse an der Geschichte der ukrainischen Kultur, insbesondere das an der Pysankykunst. Er reiste in viele Teile der Ukraine und sammelte Pysanky. Während des Chruschtschow-Regimes erschien 1968 der Bildband   „Ukrainsky Pysanky“ - der erste Bildband dieser Art in der sowjetischen Ukraine.

 

Zahlreiche Sammlungen und Handbücher sind infolge der Kriege verloren gegangen oder wurden ins Ausland mitgenommen. Durch die sowjetischen Einheitstendenzen wurde vieles, das als selbständige ukrainische Tradition galt, bewusst vernichtet.

 

In seiner Biographie  „U karnevali istoriji“ (Suchasnist  - 1980) erinnert sich Leonid Pluscht:

„... Eines Abends Ende Mai 1970 trafen wir uns in einer Wohnung. Jemand klopfte an die Tür, es war Walentyn (Moroz). Er sah anders aus, als derjenige, den ich in Lwiw getroffen hatte, er schien ausgeglichen und ruhig und hatte Gewicht zugenommen...“ „...Er diskutierte bei allen Themen mit, über die wir sprachen – bei die Verfolgung der ukrainisch-katholischen Kirche, dem Raub und der Zerstörung der kulturellen Schätze und der nationalen Identität und dem Verbot an die Dorfbewohner („Seliyany“) Pysanky zu verkaufen. Immer als er von den Hausdurchsuchungen und Observierungen erzählte, wurde uns klar, dass er jeden Tag wieder verhaftet werden konnte".

(Seite 220, Kapitel 16, 3. Absatz)

 

 

Andere Sammlungen wurden versteckt oder mündlich im Westen überliefert. In seinem Buch "Unsere Volkskunde" beschreibt Oleksa Woropay, wie er seine Informationen zur Fertigstellung seines Buches bekam. In den Displayced-Person-Lagern in Bayern, u. a. in München, befragte er die Leute, die aus den verschiedensten Ecken der Ukraine kamen. Zudem sammelte er alte Manuskripten und Bücher.

 

Seit der  Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 wurde die Pysankakunst wiederbelebt. Es wird über Pysanky gesprochen wie auch über die Volkskunst im Allgemeinen. Man fing sogar an, über die Pysanky zu schreiben und inzwischen wird diese Kunst der nachfolgenden Generationen wieder beigebracht.


Im Jahre 1992 fand in Kyjiw der 1. internationale Kongress der Pysankakünstler statt. Er gründete auf wissenschaftlichem Niveau die Ostereiermalerei als eine alte Kunstart, die mit  den Traditionen der verschiedenen Völker verbunden ist.


Am 23. September 2000 öffnete in Kolomyja das Pysanka-Museum seine Türe.

Tabelle aus dem Bildband "Ukrainische Angewandte Kunst"
Tabelle aus dem Bildband "Ukrainische Angewandte Kunst"

 

 

In der Zeit, in der die Tradition, Pysanky zu schreiben, in der Ukraine fast völlig ausgelöscht war, vergaßen die Ukrainer in der Diaspora sie nicht und popularisierten diese Form der Volkskunst. Einige Bildbände über Pysanky wurden herausgegeben.

 

Nenneswert ist der Architekt Wolodymyr Sitschynskij (Sicynskyj), der während des zweiten Weltkrieges (1944) in Leipzig den Bildband „Ukrainische angewandte Kunst“ veröffentlichte, welcher 47 Tafeln und 500 Zeichnungen, darunter 88 Pysankamuster zeigt.

 

 

 

 

Im Auftrag des Ukrainischen Pfadfinderbundes in Toronto, Kanada, brachte Pfarrer Jaroslaw Elyiw im Jahr 1958 eine Serie von 45 Briefmarken mit Pysankamustern verschiedener ukrainischer Regionen heraus, die zehn Jahre später als Illustrationsvorlage für „Ukrainsky Pysanky“ von Erast Binjaschewsky dienten.

 

 

Mit „Zwanzig Haufen Pysanky“ ("Sixty Score of Easter Eggs") gab Zenon Elyiw im Jahr 1994 in den USA einen der besten Bildbände heraus, in dem  1200 Exemplare abgebildet sind, 80 Prozent davon authentische Pysanky. Der Verfasser führte ein bedeutsames Forschungsprojekt durch und suchte hierfür Pysanky in Museen und Privatsammlungen.


Heutzutage befinden sich große Pysankasammlungen in den Museen von Washington, London und Sankt Petersburg. Viele Pysanky befinden sich auch in Privatsammlungen und sie warten darauf, neu entdeckt und erforscht zu werden.