Kyjiwer-(Kiewer) Tonei

Im Jahre 1992 wurde bei den Ausgrabungen der Kirchenreste in Zarynka im Dorf Krylos - dem alten Halytsch in der Westukraine - eine Pysanka aus Keramik gefunden. Sie wurde in der Erdschicht gefunden, die dem 12. bis 13. Jahrhundert zugeordnet wird. Ihre Maße betragen 2,5 x 4,0 cm (siehe "Ukrainische Pysanka" - Wira Manko, Seite 41).

Die älteste Pysanky aus Keramik, die die Archäologen fanden, stammen aus dem IX. Jh. nach Chr. Man fand ungefähr 70 solcher Pysanky. Sie waren in der Kyjiwer Rus’ sehr verbreitet und hatten eine charakteristische Bemalung, die eine besondere Technik erforderte. Auf meist braunem, grünem, seltener gelbem Ton malte man ein Geflecht aus gelben und grünen Streifen das eine Kiefer symbolisierte - einen immergrünen Baum der seine Wurzeln auf dem Erdboden ausbreitet.

Im 8. und 9. Jahrhundert setzte sich die gewerbliche Keramikproduktion in den Werkstätten der Kyjiwer Rus’ durch. Die Tatsache, dass sich spezielle Zweige der Wirtschaft u. a. die Töpferei abspalteten, begünstigte die Entwicklung von Austausch und Handel.

Dieses Tonei, aus einem Kindergrab, findet man heute als Schaustück im Stadtmuseum Wollin.
Dieses Tonei, aus einem Kindergrab, findet man heute als Schaustück im Stadtmuseum Wollin.

In der Kyjiwer Rus’ gab es reges Handwerk und geschäftigen Handel. Darin wurde u. a. das Schmiedehandwerk und auch viele andere Tätigkeiten, die mit Holz, Fasern, Leder, Steinen und Ton bzw. Keramik zusammenhingen, ausgeübt. So fand man auf der polnischen Ostseeinsel Wollin bei Ausgrabungen Toneier (siehe Welt der Sklaven, 1986, Pysanka aus Wollin, 11/S. 244).

 

Es handelt sich um Toneier, in der Regel mit 2 oder 3-farbiger Glasur, deren Inneres hohl ist oder Klapperkugeln enthält. Das Ornament hatte man auf bereits glasiertem Untergrund eine oder zwei andere Farben spiralförmig umlaufend aufgetragen und vor dem Brand und mit Farbe mehrfach senkrecht durchgestrichen. Nicht durchgestrichen blieb es bei der einfachen spiralförmig umlaufenden Linie; außerdem sind einige Fälle unregelmäßig gezogener Linien bekannt geworden (6; 9-13; 8, 134; 10, 143).

 

Schon im 9. Jahrhundert sind im Großmährischen Reich unglasierte Toneier, die der byzantinisch geprägten Keramik angehörten, identifizierbar. Das Vorkommen der farbig glasierten Eier reicht in der Kyjiwer Rus’ vom Ende des 10. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts; am deutlichsten ist das an der Fundverteilung in den Siedlungsschichten von Nowgorod zu beobachten.

Kyjiwer Auferstehungsei (11. Jh.) aus dem Sigtuna-Museum, Schweden
Kyjiwer Auferstehungsei (11. Jh.) aus dem Sigtuna-Museum, Schweden

Die Verteilung der Fundorte zeigt eine gewisse Dichte im Süden der Kyjiwer Rus’. Im Osten geht sie bis nach Beloozero, Rjazan’ und Sarkel/Belaja Veza. Im Westen sind die Funde in hoher Dichte in Richtung Großpolen verstreut, wenige Exemplare wurden im Gebiet von der Oder bis nach Brandenburg und am Unterlauf der Peene in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen entdeckt.

 

Im westlichen Ostseeraum ist das Kyjiwer Tonei nur an ganz wenigen Orten zu finden, die da wären: Gotland, Sigtuna (ich danke das Sigtuna-Museum für die Zustimmung zur Veröffentlichung dieses Bildes), Lund (Schweden), Haithabu auf der Kimbrischen Halbinsel und Schleswig

Die bunt glasierten Toneier haben eine sakrale Symbolik, so stehen sie für Auferstehung und ewiges Leben und werden daher auch „Auferstehungseier“ genannt. Sie wurden nicht nur in Siedlungsschichten, sondern auch in Gräbern gefunden, wodurch sie dem vielfältigen Brauchtum der Eierbeigabe zugeordnet werden können. Hinsichtlich ihrer sakralen Wertigkeit entsprechen sie aber durchaus den natürlichen, im ostkirchlichen Osterbrauchtum verwendeten Eiern, die neben anderen Gaben als Opfer für die Toten, die mit Christus auferstanden sind, auf den Gräbern deponiert werden (siehe Volksbrauche).

  



Zum Vergleich ein Kyjiwer-Ei

aus dem Buch „Ukrajinski Pysanky“ – 1968

von Erast Binjaschewsky (Seite 19)

Durch den Mongolen- und Tartarenansturm im Jahre 1238 wurden sowohl die kulturelle Entwicklung der Kyjiwer Rus’ und die Handelsbeziehungen mit den wichtigsten Handelszentren Nordeuropas unterbrochen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kyjiwer Tonei, Fundort Oldenburg



In Riwne,  Nordwesten der Ukraine, stolperten Archäologen in ein altes Wohnhaus über ein 950-jähriges Kyjiwer Tonei. Sie bestätigen, es ist das einzige Ei aus dieser Periode, das bis in unsere Zeit in dieser perfekten Zustand überlebte.

 

Leider ist der Text auf ukrainisch, aber das Bild ansehenswert.

 

http://www.radiosvoboda.org/content/article/25102278.html

                                                                                                http://1tv.com.ua/ru/news/2013/09/12/45378

 

 

500-jähriges Pysanka im Zentrum von Lwiw ausgegraben

 

Bei Grabungen im Zentrum von Lwiw, in der Schewska Strasse wurde dieses einzigartige Pysanka-Osterei in eine Zisterne in einer Tiefe von 5,5 m gefunden. Dieser Fund stammt aus XV-XVI Jahrhundert.

 

 

 

 

http://zik.ua/ua/news/2013/08/08/423380

 http://gre4ka.info/kultura/5506-naidavnisha-ukrainska-pysanka-rodom-z-volyni-foto

 

 

Kyjiwer Tonei aus dem 11. Jahrhundert, Archäologisches Museum Varna, Bulgarien
Kyjiwer Tonei aus dem 11. Jahrhundert, Archäologisches Museum Varna, Bulgarien

 

In diesem Blog (Russisch) sehen Sie Bilder aus der Ausstellung "Russen & Deutsche - 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur" (Okt 12 bis Jan 2013) im Neues Museum Berlin

 

 

 

http://smelding.livejournal.com/615000.html?thread=21518936

 

Hoffnungsvolles aus Kiew – ein Ei und seine Botschaft

 

Das Rassel-Ei wurde 1996 bei archäologischen Rettungsgrabungen in Wallhausen

(Lkr. Mansfeld-Südharz) gefunden.

 

 

 

 

 

http://www.lda-lsa.de/de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/fund_des_monats/2014/oktober/

 

Kyjiwer Osterei

 

 

 

 

http://mythos-hammaburg.de/tags/kiewer-osterei

 

Die Verbindungen Schwedens mit dem Osten in der Wikingerzeit

 

http://samla.raa.se/xmlui/bitstream/handle/raa/5550/1911_291.pdf?sequence=1

 

Aus „Archäologie der westlichen Slawen“

„... Aus dem ostslawischen Raum bzw. dem Bereich der Kyjiwer Rus’ erreichten Spinnwirtel aus „rosarotem“ Ovru¹er Schiefer (Abb. 65) und Kyjiwer Toneier (Pisanki)63 die Westslawen. Auch diese beiden Produkte dürften kaum Handelsgut gewesen, sondern durch „Gabentausch“ vermittelt worden sein.

 

Diese beiden Typen von Fernhandelsplätzen, an denen sich Kaufleute aus vielerlei Ländern (Skandinavier, Franken, Sachsen, Friesen, Juden, Araber) trafen, finden sich nur entlang der Grenze des westslawischen Siedlungsraumes. Sie dienten allein dem Fernhandel, d. h. dem Bezug von Gütern aus weit entfernten Gegenden. Dies war vor allem Silber, während weitere „Fremdgüter“ nicht so leicht zu bestimmen sind. Einige „Importe“ (Schwerter, Kyjiwer Toneier, Spinnwirtel aus Ovru¹er Schiefer) dürften über den Gabentausch zwischen Eliten nach Ostmitteleuropa gelangt sein, andere sind – wie die Reste rheinischer Keramikgefäße Badorfer oder Tatinger Art – wohl als Gebrauchsgut fremder Händler zu interpretieren, haben mit „Handel“ also nur mittelbar zu tun. Deshalb bedarf es sorgfältiger methodischer Abwägung, bevor aus archäologischen „Fremdgütern“ auf (weit reichende) Handelsverbindungen geschlossen wird.

 

Die Mitgabe von meist einem Gefäß in Körpergräbern weist auf Speisebeigaben und damit auf bestimmte Vorstellungen der Weiterexistenz in einer anderen Welt hin. Dies gilt ebenso für „symbolische“ Beigaben wie die Kyjiwer Toneier (pisanki)70, die als Fruchtbarkeitssymbole interpretiert werden, oder die Niederlegung eines Obolus (Fährgeld für die Überfahrt ins Jenseits, Wegzehrung, Ablöse vom Leben?). Beide Symbole entstammen nicht zwangsläufig 70 Kartierung: Gabriel [Nr. 497] 204 Abb. 39. 333 (direkt oder indirekt) christlichen Vorstellungen, sondern können auch auf ähnliche pagane Überzeugungen zurückgeführt werden; dabei ist bei identischer Symbolik ein sich verändernder geistiger Hintergrund wahrscheinlich. Mittelbar in christliche Zusammenhänge gehören auch die bereits erwähnten sog. „Kyjiwer Toneier“ (pisanki). Dies sind hühnereigroße tönerne Hohlkörper, oft mit einer Klapper im Innern. Außen waren sie ein- bis dreifarbig glasiert, wobei umlaufende, wellenförmige Spiralen erzeugt wurden. Die Technologie der Glasur stammte aus Byzanz, die Herstellung dieser Eier erfolgte aber in Kiev und dessen Umgebung vom späten 10. bis zum mittleren 12. Jahrhundert. Erwogen wird auch h eine mögliche Herstellung in Kruszwica, doch dürfte dies allenfalls kurzfristig der Fall gewesen sein. Zu den westlichen Slawen gelangten die Pisanki als prestigeträchtige Gegenstände (Abb. 98), doch ob damit auch der Symbolgehalt übernommen wurde, ist schwer zu beurteilen. Denkbar ist – auch aufgrund der häufigen Kombination mit echten Eiern im Grab – ein weiter Horizont von Fruchtbarkeitsvorstellungen, so dass nicht unbedingt der christliche Glaube an die Wiederauferstehung (Ostern) damit verbunden gewesen sein muss – sofern diesen Toneiern überhaupt eine tiefere Bedeutung beigemessen wurde. Auf technologisch gleiche Weise wurden auch die sog. „Warzenklappern“ hergestellt, die außen unter der Glasur etliche Knubben besaßen.

 

Auch nach Osten, wo sich im 10. Jahrhundert die Kyjiwer Rus’ zu einem christlichen Großreich entwickelte, gab es Kontakte. Schon angesprochen ist die Silberzufuhr aus dem arabisch-islamischen Nahen Osten bzw. Mittelasien, die allerdings über den Ostseeraum und kaum direkt abgewickelt wurde. Im Fundmaterial lassen sich vor allem zwei Handelsgüter ausmachen, die aus dem Kyjiwer Raum zu den westlichen Slawen gelangten. Dazu gehören zum einen die glasierten „Kyjiwer Toneier“, die mit Fruchtbarkeitsglauben und christlichem Osterfest zusammenhängen, und zum anderen Spinnwirtel aus rosarotem Ovru¹er Schiefer. Weniger deutlich sind die Beziehungen zu den Warägern, die möglicherweise auch in piastischen Gefolgschaften vertreten waren, wofür das Gräberfeld von Lutomiersk oder auch die Eroberung Kievs 1018 durch Boleslaw Chrobry als Indizien angeführt werden.

 

Einige „Importe“ (Schwerter, Kyjiwer Toneier, Spinnwirtel aus Ovru¹er Schiefer) dürften über den Gabentausch zwischen Eliten nach Ostmitteleuropa gelangt sein, andere sind – wie die Reste rheinischer Keramikgefäße Badorfer oder Tatinger Art – wohl als Gebrauchsgut fremder Händler zu interpretieren, haben mit „Handel“ also nur mittelbar zu tun. Deshalb bedarf es sorgfältiger methodischer Abwägung, bevor aus archäologischen „Fremdgütern“ auf (weit reichende) Handelsverbindungen geschlossen wird...“

– Sebastian Brather 2008 –